Reithalle Neufertstraße - Bürger für Denkmale

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Reithalle Neufertstraße

Reithalle Neufertstraße: Umbau 2013 (Foto: Kiez-Web-Team Klausenerplatz)
Neufertstraße 19/21, 14059 Berlin

Das Gebiet schräg gegenüber vom Schloss Charlottenburg – hinter dem Klausenerplatz, den bis 1887 die Gardes du Corps als Reitplatz nutzten –  war bis weit ins 19. Jahrhundert nahezu freies Feld. Als nach dem Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 die Frankreich auferlegten Reparationszahlungen ins neugegründete Deutsche Reich flossen und der Industrialisierung einen kräftigen Anschub gaben, entstand wachsender Bedarf an Wohnraum für die in die Städte ziehenden Fabrikarbeiter. Damals begann hier die Bebauung. Der große Bauboom fand zwischen 1884 und 1889 statt, und nach der Denkmalliste Berlin war bis 1896 bereits über Dreiviertel des Gebietes mit meist viergeschossigen Mietshäusern bebaut.

Unter den Neubauten der folgenden Jahre hob sich einer ganz besonders von der sonstigen Wohnbebauung ab: die 1896/97 errichtete Reithalle für das Offiziers-Corps des Königin-Elisabeth-Garde-Grenadier-Regiments No. 3. Das Gebäude entstand in der Magazinstraße 7 (seit 1950 Neufertstr. 19/21), auf dem Gelände eines kurz zuvor abgerissenen Getreidespeichers für militärischen Bedarf aus dem Jahr 1802. Es wurde von Amtsmauermeister Ernst Gerhardt (1874-1923) und F.W. Bastian entworfen und besteht im Kern aus einer 25 x 16 m großen stützenfreien Halle mit einer Wandhöhe von 6 m und einer Firsthöhe von 9 ½ m. Weitere besondere Merkmale sind das sichtbare Dachtragwerk aus Stahl und fünf über die ganze Breite der Straßenfront verteilte hohe Segmentbogenfenster.

Seit der Auflösung des Garde-Grenadier-Regiments im Jahr 1918 fanden mehrfach Umbauten für anderweitige Nutzungen statt. Zunächst zog von März 1923 bis zur Einweihung einer eigenen Kirche nebenan am Klausenerplatz im Juni 1932 die katholische St.-Kamillus-Kirchengemeinde in die Reithalle; von dieser Zeit zeugt eine Darstellung mit Anker und einem Fisch als Christussymbol auf einer der Giebelwände. Nach einem weiteren Umbau, wieder nach Plänen von F.W. Bastian, bei dem die Decke abgehängt und die Fenster vermauert wurden, kam dort von 1934 bis 1968 ein Kino mit etwa 350 Plätzen unter, dessen Name „Mali“ vermutlich eine Zusammenziehung von Magazin-Lichtspiele war. Eine dritte Art der Nutzung,  verbunden mit weiteren Umbauten, ist seit 1970 die als Supermarkt, zunächst über 40 Jahre durch einen Lebensmitteldiscounter, seit 2013 durch eine Bioladenkette. Bei deren Einzug fand eine denkmalgerechte Sanierung statt, die das ursprüngliche Erscheinungsbild wieder klarer hervortreten lässt.

Bereits seit 1993/4 steht die Reithalle als Teil des Denkmalbereichs Klausenerplatz unter Ensembleschutz (Objektnummer 09020688). Nachdem kürzlich ein Investor das Grundstück gekauft hat, um die Halle abzureißen und durch einen Neubau zu ersetzen, wofür bereits ein Bauantrag gestellt wurde, ist ihr Fortbestehen gefährdet, denn nach Meinung des zuständigen Stadtrates könne der Antrag baurechtlich nicht abgelehnt werden. Somit ist die einzige Möglichkeit des Bestandsschutzes ihre Eintragung als Einzeldenkmal in die Denkmalliste. Die Voraussetzungen dafür sind im Hinblick auf geschichtliche, künstlerische und städtebauliche Bedeutung gegeben: Die ehemalige Reithalle ist eine der wenigen erhaltenen militärischen Zweckbauten dieser Art und damit ein besonderes Zeugnis der vor 100 Jahren mit Ende des Ersten Weltkrieges untergegangenen kaiserlichen Epoche; die Gestaltung der Straßenfassade, die Dachkonstruktion sowie Ausschmückungen aus der Zeit als Kirche geben ihr einen künstlerischen Wert; und schließlich nimmt die Halle nicht nur aufgrund ihres Bautyps inmitten von Wohnhäusern, sondern auch aufgrund ihrer jahrzehntelangen öffentlichen Nutzung eine besondere Stellung in dem Stadtviertel ein.

Michael Roeder, Historiker



Der tatsächlich ausgeführte Entwurf von November 1896 (Foto der Bauzeichnung aus dem Bauarrchiv Berlin)







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